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“Simply handed over”

Hasan Nuhanovićs Aussage vor dem Unterausschuss des US-Repräsentantenhauses, Washington 1998

Text: Sabina Ferhadbegović

The Betrayal of Srebrenica: Why Did the Massacre Happen? Will It Happen Again? Hearing Before the Subcommittee on International Operations and Human Rights of the Committee on International Relations House of Representatives, One Hundred Fifth Congress, Second Session, March 31, 1998, Washington 1998.
The Betrayal of Srebrenica: Why Did the Massacre Happen? Will It Happen Again? Hearing Before the Subcommittee on International Operations and Human Rights of the Committee on International Relations House of Representatives, One Hundred Fifth Congress, Second Session, March 31, 1998, Washington 1998.
The Betrayal of Srebrenica: Why Did the Massacre Happen? Will It Happen Again? Hearing Before the Subcommittee on International Operations and Human Rights of the Committee on International Relations House of Representatives, One Hundred Fifth Congress, Second Session, March 31, 1998, Washington 1998.
The Betrayal of Srebrenica: Why Did the Massacre Happen? Will It Happen Again? Hearing Before the Subcommittee on International Operations and Human Rights of the Committee on International Relations House of Representatives, One Hundred Fifth Congress, Second Session, March 31, 1998, Washington 1998.

Am 13. Juli 1995 sah Hasan Nuha­no­vić sei­ne Eltern und sei­nen jün­ge­ren Bru­der zum letz­ten Mal, als sie von nie­der­län­di­schen Offi­zie­ren des Dutch­bat1 auf­ge­for­dert wur­den, das UNPRO­FOR-Gelän­de im bos­ni­schen Potoča­ri zu ver­las­sen. Dort such­ten sie mit tau­sen­den ande­ren ver­zwei­fel­ten bos­ni­schen Muslim:innen (Bosniak:innen) Zuflucht, nach­dem Sre­bre­ni­ca von Ein­hei­ten der bos­nisch-ser­bi­schen Armee und ser­bi­schen Para­mi­li­tärs ein­ge­nom­men wor­den war.2 Nuha­no­vić selbst durf­te blei­ben, weil er als Dol­met­scher für den UNMO3 arbei­te­te; sei­ne Mut­ter Nasi­ha, sein Vater Ibro und sein Bru­der Muha­med gin­gen hin­ge­gen in den siche­ren Tod.4 Als Hasan Nuha­no­vić fast drei Jah­re spä­ter, am 29. März 1998, als Über­le­ben­der des Geno­zids von Sre­bre­ni­ca vor dem Unter­aus­schuss des US-Reprä­sen­tan­ten­hau­ses aus­sag­te, galt sei­ne Fami­lie seit drei Jah­ren als vermisst.

Bis zu den jugo­sla­wi­schen Zer­falls­krie­gen, die 1991 mit der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung Slo­we­ni­ens began­nen, war Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na eine der sechs jugo­sla­wi­schen Teil­re­pu­bli­ken, das mul­ti­eth­ni­sche Herz des Lan­des.5 Im Land leb­ten ver­schie­de­ne Bevöl­ke­rungs­grup­pen mit- und neben­ein­an­der: Neben den Bosniak:innen waren die bos­ni­schen Serb:innen und Kroat:innen die zah­len­mä­ßig größ­ten. Noch vor der Aus­ru­fung der staat­li­chen Unab­hän­gig­keit Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­nas im April 1992 hat­te die natio­na­lis­ti­sche Füh­rung der bos­ni­schen Serb:innen die Grün­dung einer Ser­bi­schen Repu­blik Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na (Repu­bli­ka Srps­ka) pro­kla­miert, unter ande­rem mit dem Ziel, die ser­bi­sche Bevöl­ke­rung inner­halb der Staats­gren­zen von den bei­den ande­ren gro­ßen bos­nisch-her­ze­go­wi­ni­schen Natio­nen zu tren­nen, Ost­bos­ni­en zu beset­zen und die Gren­ze mit Ser­bi­en auf­zu­he­ben. Seit Beginn des Bos­ni­en­krie­ges im April 1992 ver­folg­te die bos­nisch-ser­bi­sche poli­ti­sche und mili­tä­ri­sche Füh­rung außer­dem das Pro­jekt der „Ser­bi­sie­rung“6, das die gewalt­sa­me Ver­trei­bung aller als Nicht-Serb:innen wahr­ge­nom­me­nen Men­schen aus den ser­bisch-kon­trol­lier­ten Gebie­ten beinhal­te­te. In Sre­bre­ni­ca for­mier­te sich im Mai 1992 jedoch Wider­stand, und nach 22 Tagen ser­bi­scher Herr­schaft gelang es der bos­ni­schen Armee, die Stadt zurück­zu­er­obern. In der Fol­ge such­ten Tau­sen­de bos­nia­ki­sche Flücht­lin­ge aus den umlie­gen­den Ort­schaf­ten, die von der Armee der Repu­bli­ka Srps­ka besetzt waren, Zuflucht in der Stadt. Damit wur­de Sre­bre­ni­ca zu einer bos­nia­ki­schen Enkla­ve inner­halb der ser­bisch besetz­ten Gebiete.

Zu den Flücht­lin­gen zähl­te seit August 1992 auch Nuha­no­vić mit sei­ner Fami­lie. Vor ihrer Ver­trei­bung leb­ten sie in der etwa 50 Kilo­me­ter west­lich von Sre­bre­ni­ca gele­ge­nen Klein­stadt Vla­se­ni­ca. Nach. Schät­zun­gen der Ver­ein­ten Natio­nen leb­ten 1993 in Sre­bre­ni­ca bis zu 28.000 Men­schen, in der Enkla­ve sogar über 70.000, ohne adäqua­te Trink­was­ser­ver­sor­gung, ohne Strom­ver­sor­gung, ohne medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung sowie ohne eine aus­rei­chen­de Lebens­mit­tel­ver­sor­gung.7 Um die Lage der ein­ge­schlos­se­nen Bevöl­ke­rung zu erleich­tern, erklär­te der Sicher­heits­rat der Ver­ein­ten Natio­nen am 16. April 1993 mit der Reso­lu­ti­on 819 Sre­bre­ni­ca zur „UN-Sicher­heits­zo­ne“ („Safe Area“) und ent­sand­te UNPRO­FOR-Sol­da­ten.8 Drei Jah­re lang blieb die Stadt ein­ge­schlos­sen, immer am Ran­de einer huma­ni­tä­ren Katastrophe.

Das Ver­spre­chen einer UN-Schutz­zo­ne wog die Ein­ge­schlos­se­nen in trü­ge­ri­scher Sicher­heit. Als am 11. Juli 1995 die Armee der Repu­bli­ka Srps­ka die Schutz­zo­ne ein­nahm, gab es kei­nen Wider­stand sei­tens der bos­ni­schen Armee und auch die nie­der­län­di­schen UN-Sol­da­ten hat­ten dem Angriff nichts ent­ge­gen­zu­set­zen. Eine erwar­te­te Luft­un­ter­stüt­zung sei­tens der UN fand nicht statt. Tau­sen­de Bosniak:innen flo­hen zum nie­der­län­di­schen UN-Stütz­punkt in Potoča­ri in der Hoff­nung, dort vor den Trup­pen der Repu­bli­ka Srps­ka geschützt zu sein. Das Gegen­teil war der Fall. Der Befehls­ha­ber des Dutch­bat Thom Kar­rem­ans und sei­ne Stell­ver­tre­ter ent­schie­den, dass alle Schutz­su­chen­den das UN-Gelän­de ver­las­sen muss­ten, und lie­fer­ten sie dem bos­nisch-ser­bi­schen Mili­tär aus.9 Die Armee der Repu­bli­ka Srps­ka depor­tier­te Frau­en und Kin­der mit Bus­sen nach Tuz­la und ermor­de­te mehr als 8.300 Men­schen, über­wie­gend Män­ner und Jun­gen in Sre­bre­ni­ca und in den umlie­gen­den Wäl­dern. Hasan Nuha­no­vić über­leb­te nur, weil er als Dol­met­scher für die UN arbei­te­te. Obgleich die Sol­da­ten Armee der Repu­bli­ka Srps­ka sowie Ange­hö­ri­ge ser­bi­scher para­mi­li­tä­ri­scher Ein­hei­ten für die Durch­füh­rung des Geno­zids ver­ant­wort­lich waren, stell­te Hasan Nuha­no­vić vor dem US-Abge­ord­ne­ten­haus nicht pri­mär die Ankla­ge ihrer Ver­bre­chen in den Mittelpunkt.

In sei­ner Aus­sa­ge beschreibt Nuha­no­vić deut­lich das Ver­sa­gen de nie­der­län­di­schen UN-Blau­helm-Sol­da­ten, denen es nicht gelang, die bos­nia­ki­sche Bevöl­ke­rung in der Safe Area vor dem Geno­zid zu schüt­zen. Mehr noch, in dras­ti­schen Wor­ten stellt Nuha­no­vić fest: “It was enti­re­ly the Dutch idea to ‘emp­ty the camp’ as soon as pos­si­ble, so is [sic!] easier for them to lea­ve the area“.10 Die Lis­te sei­ner Vor­wür­fe ist lang: Wäh­rend die bos­nia­ki­schen Flücht­lin­ge ver­zwei­felt den ver­spro­che­nen Schutz auf dem UNPRO­FOR-Gelän­de in Potoča­ri such­ten, hät­ten die nie­der­län­di­schen UN-Sol­da­ten ihren Schutz­auf­trag miss­ach­tet und die Schutz­su­chen­den ohne die gerings­ten Vor­sichts­maß­nah­men fahr­läs­sig ihren Mör­dern über­las­sen. Sie hät­ten dem UNPRO­FOR-Haupt­quar­tier in Tuz­la ver­schwie­gen, dass sich auf ihrem Gelän­de in Potoča­ri über 300 Bos­nia­ken befan­den. Sie hät­ten nicht auf die Ankunft des Inter­na­tio­na­len Roten Kreu­zes gewar­tet, um die Men­schen in Lis­ten ein­zu­tra­gen und ihre Iden­ti­tät fest­zu­stel­len. Sie hät­ten ver­ängs­tig­te Bosniak:innen ange­lo­gen, dass außer­halb des UN-Gelän­des alles in Ord­nung sei, obwohl sie wuss­ten, dass Mor­de statt­fan­den. Sie hät­ten nicht kon­trol­liert, was mit den Depor­tier­ten geschah. Sie hät­ten am Abend gefei­ert, als alle Schutz­su­chen­den vom UN-Gelän­de eskor­tiert wor­den waren. Und als nach Tagen Infor­ma­tio­nen über Mas­sen­er­schie­ßun­gen durch­si­cker­ten, hät­ten sie ver­sucht, ihre Mit­ver­ant­wor­tung zu vertuschen.

Mit sei­nem Zeug­nis sprach er aus, was damals weder die Ver­ant­wort­li­chen in den Ver­ein­ten Natio­nen noch die nie­der­län­di­sche Regie­rung akzep­tie­ren woll­ten, näm­lich, dass ihre Schutz­trup­pen nichts getan hat­ten, um den Geno­zid an den Bosniak:innen zu ver­hin­dern. Dass sie für die Ermor­dung und Depor­ta­ti­on von Tau­sen­den von Men­schen, für die Ermor­dung der Eltern und des Bru­ders von Nuha­no­vić mit­ver­ant­wort­lich, ja sogar an ihr mit­schul­dig waren. Sein Selbst­zeug­nis ist im Kon­text der tes­tim­o­ny deba­te als Über­le­bens­zeu­gen­schaft ein­zu­ord­nen11, ohne die wir heu­te einen begrenz­ten Zugang zum Wis­sen über die Gescheh­nis­se in Sre­bre­ni­ca hät­ten. Nur weni­ge Män­ner über­leb­ten den Geno­zid: Eini­ge kro­chen nach Mas­sen­er­schie­ßun­gen ver­letzt aus Gru­ben, wie der damals sieb­zehn­jäh­ri­ge Nedžad Avdić,12 schlu­gen sich wie Hasan Has­a­no­vić durch die Wäl­der,13 oder durf­ten, wie Nuha­no­vić, aus­ge­stat­tet mit einem UN-Aus­weis, in UNPRO­FOR-Pan­zern die gefal­le­ne Stadt ver­las­sen. Als Avdić am 13. April 2000 im Pro­zess gegen Gene­ral Radis­lav Krs­tić vor dem Inter­na­tio­na­len Kriegs­ver­bre­cher­tri­bu­nal für das ehe­ma­li­ge Jugo­sla­wi­en (ICTY) aus­sag­te, war das Vor­ge­hen der nie­der­län­di­schen UN-Sol­da­ten dort kein The­ma. Sie stan­den unter UN-Befehl, und die Ver­ein­ten Natio­nen genie­ßen Immu­ni­tät vor jeg­li­cher Gerichts­bar­keit.14

Nuha­no­vić hin­ge­gen hat­te seit dem 13. Juli 1995 mit allen ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln ver­geb­lich ver­sucht, mehr über das Schick­sal sei­ner Eltern und sei­nes Bru­ders zu erfah­ren. Nach­dem er die Ver­ein­ten Natio­nen und die nie­der­län­di­sche Regie­rung um Infor­ma­tio­nen und Unter­su­chun­gen zum Fall Sre­bre­ni­ca gebe­ten hat­te, wand­te er sich zusam­men mit Ver­tre­tern ver­schie­de­ner Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen an das US-Reprä­sen­tan­ten­haus und sprach dort, wie ein­gangs erwähnt, vor dem Unter­aus­schuss des Com­mit­tee on Inter­na­tio­nal Rela­ti­ons (heu­te For­eign Affairs Com­mit­tee). Der Aus­schuss für aus­wär­ti­ge Ange­le­gen­hei­ten befasst sich u.a. mit den US-Bezie­hun­gen zu den Ver­ein­ten Natio­nen. Dar­über hin­aus ver­fügt er über weit­rei­chen­de Befug­nis­se bei mili­tä­ri­schen Aus­lands­ein­sät­zen. Nuha­no­vić hoff­te, dass der Ein­fluss der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen die US-Abge­ord­ne­ten über­zeu­gen wür­de, eine Unter­su­chung der Ereig­nis­se in Sre­bre­ni­ca zu initi­ie­ren und in die­sem Zuge gehei­me Infor­ma­tio­nen über den Fall Sre­bre­ni­cas zu ver­öf­fent­li­chen, wie bei­spiels­wei­se Satel­li­ten­bil­der von Mas­sen­grä­bern, Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen UN-Offi­zi­el­len, Infor­ma­tio­nen über Ver­miss­te. Er appel­lier­te an die Abge­ord­ne­ten, die US-Soldat:innen, die nach dem Frie­dens­ab­kom­men von Day­ton im Osten Bos­ni­ens sta­tio­niert waren, zum Schutz der dort ver­mu­te­ten Mas­sen­grä­ber ein­zu­set­zen. Das Frie­dens­ab­kom­men von Day­ton been­de­te zwar die krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen – bos­nisch-ser­bi­sche Nationalist:innen blie­ben teil­wei­se an der Macht und sorg­ten für die Ver­tu­schung der Verbrechen.

Expert:innen im Bereich der Geno­zid­for­schung bezeich­nen Geno­zid­leug­nung als Fort­set­zung der began­ge­nen Ver­bre­chen und damit als Teil des Geno­zids.15 Ver­tu­schung sowie Ver­nich­tung von Bewei­sen und das zum Schwei­gen brin­gen von Zeug:innen, Ent­zug von Glaub­wür­dig­keit und Nicht­glau­ben­wol­len von Zeu­gen­aus­sa­gen sind Teil einer inten­tio­na­len Ver­nich­tungs­po­li­tik. Dass Nuha­no­vić in sei­ner Aus­sa­ge beschreibt, wie er drei Mili­tär­be­ob­ach­ter der UNMO dazu brin­gen muss­te, ihm schrift­lich zu bezeu­gen, dass sei­ne Eltern und sein Bru­der auf­ge­for­dert wur­den, den Dutch Com­pound zu ver­las­sen, zeigt, dass Ver­folg­te davon aus­ge­hen, dass ihnen sogar von außen­ste­hen­den und damit eigent­lich neu­tra­len Insti­tu­tio­nen nicht geglaubt wird.16 Klas­si­schen Bewei­sen und Fak­ten, meist basie­rend auf Täter­quel­len, wur­den auch in der Holo­caust­for­schung lan­ge mehr Glaub­wür­dig­keit zuge­spro­chen als Zeug:innenaussagen – eine Pra­xis, die maß­geb­lich durch die Pro­zess­füh­rung des Inter­na­tio­na­len Mili­tär­ge­richts­hof in Nürn­berg beein­flusst wur­de.17 In sei­ner Aus­sa­ge ver­bin­det Nuha­no­vić des­halb sei­ne per­sön­li­che Erin­ne­rung mit offi­zi­el­len Doku­men­ten und Aus­sa­gen ande­rer, um sei­ne eige­ne Glaub­wür­dig­keit zu erhö­hen. Hier wird aus der Quel­le die Agen­cy des Zeu­gen ersicht­lich, also wie er die ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Hand­lungs­mög­lich­kei­ten ein­setzt. Wenn er sagt: „…the peo­p­le hoped that they would be pro­tec­ted, but the Dutch sol­diers and offi­cers gave no other opti­on to the refu­gees but to lea­ve.”18, dann spricht er mit der Auto­ri­tät eines Über­le­ben­den des Geno­zids, mit der Auto­ri­tät des Soh­nes und Bru­ders von Opfern des Geno­zids und mit dem Wis­sen eines Insi­ders, eines UN-Mit­ar­bei­ters, der die Ereig­nis­se aus per­sön­li­cher Erfah­rung beschrei­ben kann. Und auch wenn Nuha­no­vić betont: „We are just loo­king for our miss­ing rela­ti­ves. We real­ly are not inte­res­ted in any poli­ti­cal games”, wer­den die poli­ti­schen Impli­ka­tio­nen sei­nes Selbst­zeug­nis­ses so offen­sicht­lich, dass der repu­bli­ka­ni­sche Abge­ord­ne­te Frank Rudolph Wolf ant­wor­tet: „ I think your state­ment is very dama­ging to the Dutch mili­ta­ry. I mean I think if what you say is accu­ra­te, they have to be somehow held accoun­ta­ble.”19

Das hier vor­ge­stell­te Selbst­zeug­nis war eine der ers­ten öffent­li­chen Aus­sa­gen von Hasan Nuha­no­vić über sei­ne Erleb­nis­se und sein Über­le­ben in Sre­bre­ni­ca. Wei­te­re öffent­li­che Auf­trit­te folg­ten und sei­ne Bio­gra­fie „Under the UN Flag“ dien­te als Vor­la­ge für den Film „Quo Vadis Aida“, der 2021 in der Kate­go­rie „Bes­ter inter­na­tio­na­ler Spiel­film“ für den Oscar nomi­niert wur­de.20 Aber auch in zahl­rei­chen Zeu­gen­aus­sa­gen vor nie­der­län­di­schen Gerich­ten wie­der­hol­te er sei­ne Geschich­te. 2002 ver­klag­te er gemein­sam mit Ange­hö­ri­gen des beim Geno­zid in Sre­bre­ni­ca ermor­de­ten Rizo Mus­ta­fić den nie­der­län­di­schen Staat, weil die von ihm ent­sand­ten Blau­hel­me den Geno­zid nicht ver­hin­dert hat­ten. Nach elf Jah­ren und meh­re­ren Instan­zen ent­schied das höchs­te nie­der­län­di­sche Gericht 2013, dass die Nie­der­lan­de für den Tod sei­nes Vaters und sei­nes Bru­ders mit­ver­ant­wort­lich sind. Zu die­sem Zeit­punkt hat­te Nuha­no­vić ihre sterb­li­chen Über­res­te in Mas­sen­grä­bern gefun­den: 2006 Kno­chen sei­nes Vaters, 2009 sei­ner Mut­ter und 2010 sei­nes Bruders.

Ohne das öffent­li­che Enga­ge­ment Nuha­no­vićs sowie sei­nen juris­ti­schen Kampf um die Wahr­heit wären die öffent­lich bekann­ten Fak­ten über den Geno­zid in Sre­bre­ni­ca unvoll­stän­dig. Vor die­sem Hin­ter­grund erlan­gen Selbst­zeug­nis­se eine wesent­li­che Bedeu­tung, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Auf­ar­bei­tung von Mensch­heits­ver­bre­chen. Sowohl in der Repu­bli­ka Srps­ka als auch in der Repu­blik Ser­bi­en wird der Völ­ker­mord bis heu­te geleug­net. Selbst in den demo­kra­ti­schen Nie­der­lan­den wur­de sei­tens staat­li­cher Insti­tu­tio­nen eine Mit­ver­ant­wor­tung ver­neint. Ohne die Bereit­schaft der Über­le­ben­den, ihre Selbst­zeug­nis­se öffent­lich zu machen, fehl­te der Geschichts­schrei­bung die Mög­lich­keit, die his­to­ri­sche Wahr­heit zu erschlie­ßen. Und ohne das Enga­ge­ment der Über­le­ben­den und Menschenrechtsaktivist:innen fehl­ten wich­ti­ge Akteur:innen, die die Durch­set­zung des Prin­zips der Ver­ant­wort­lich­keit für mas­si­ve Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und Geno­zid einforderten.

References

  1. Das Dutch­bat, das Dutch Air Mobi­le Bat­tali­on, war das nie­der­län­di­sche Kon­tin­gent für die United Nati­ons Pro­tec­tion Force (UNPROFOR) wäh­rend der Zer­falls­krie­ge im ehe­ma­li­gen Jugoslawien.
  2. Die Armee der Repu­bli­ka Srps­ka (VRS) war das Mili­tär der am 9. Janu­ar 1992 von ser­bi­schen natio­na­lis­ti­schen Politiker:innen selbst­er­nann­ten Repu­bli­ka Srps­ka, das sich aus ehe­mals in Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na sta­tio­nier­ten Trup­pen der Jugo­sla­wi­schen Volks­ar­mee (JNA) und para­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­den zusam­men­setz­te. Für mehr über die Rol­le der JNA in den jugo­sla­wi­schen Krie­gen sie­he: Mesud Šadin­li­ja, Deter­mi­naci­ja nepri­ja­tel­ja u direk­ti­va­ma Grlav­nog šta­ba i Vrhov­ne koman­de vojs­ke Repu­bli­ke Srps­ke, His­to­r­ij­ski pog­le­di 3 (2020) 3, 268–281.
  3. Ein Mili­tär­be­ob­ach­ter der Ver­ein­ten Natio­nen (United Nati­ons Mili­ta­ry Obser­ver, UNMO) ist ein unbe­waff­ne­ter Offi­zier, der in Kri­sen­ge­bie­ten zur Unter­stüt­zung von Frie­dens­mis­sio­nen ein­ge­setzt wird.
  4. Hasan Nuha­no­vić, Pod zasta­vom UN‑a: međun­a­rod­na zajed­ni­ca I zločin u Sre­bre­ni­ci, Sara­je­vo 2005 (auch als eng­li­sche Über­set­zung Under the UN Flag: The Inter­na­tio­nal Com­mu­ni­ty and the Sre­bre­ni­ca Geno­ci­de, Sara­je­vo 2007.)
  5. Zur den jugo­sla­wi­schen Zer­falls­krie­gen sie­he Holm Sund­haussen, Der Zer­fall Jugo­sla­wi­ens und des­sen Fol­gen, APuZ 32 (2008), 9–18, hier nach https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/31042/der-zerfall-jugoslawiens-und-dessen-folgen/ (über­prüft am 17.10.202).
  6. Mat­thi­as Fink, Sre­bre­ni­ca: Chro­no­lo­gie eines Völ­ker­mords oder Was geschah mit Mir­nes Osma­no­vić, Ham­burg 2015, S. 100.
  7. Report of the Secu­ri­ty Coun­cil Mis­si­on Estab­lished Pur­su­ant to Reso­lu­ti­on 819 (1993), in: https://documents.un.org/doc/undoc/gen/n93/248/93/pdf/n9324893.pdf?token=hoSoQeHMeV8Uo0Pnb9&fe=true (über­prüft am 15.7.2024).
  8. UN „Safe Are­as“ (deutsch: UN-Sicher­heits­zo­nen oder Schutz­zo­nen) sind Gebie­te, die von den Ver­ein­ten Natio­nen wäh­rend eines Kon­flikts als sicher erklärt wer­den, um Zivilist:innen vor feind­li­chen Angrif­fen zu schüt­zen. Die­se Zonen wer­den in der Regel von UN-Frie­dens­trup­pen über­wacht, die sicher­stel­len sol­len, dass die Gebie­te frei von mili­tä­ri­schen Akti­vi­tä­ten blei­ben. United Nati­ons Secu­ri­ty Coun­cil Reso­lu­ti­on 819 (1993), in: https://documents.un.org/doc/resolution/gen/nr0/700/04/pdf/nr070004.pdf?token=chrgfqNPVSTOHsUsXe&fe=true (über­prüft am 10.7.2024).
  9. Für eine aus­führ­li­che Auf­ar­bei­tung der Ereig­nis­se sie­he den Sre­bre­ni­ca-Bericht des NIOD Insti­tuut voor Oorlogs‑, Holo­caust- en Geno­ci­de­stu­dies (frü­her Neder­lands Insti­tuut voor Oor­logs­do­cu­men­ta­tie, NIOD), Sre­bre­ni­ca: a ‘safe’ area, in: https://do8mb0ue3h0zp.cloudfront.net/2021–05/srebrenicarapportniod_nl.pdf (über­prüft am 18.10.2024).
  10. Tes­tim­o­ny of Hasan Nuha­no­vic, For­mer Trans­la­tor, U.N. Peace­kee­ping Force in Sre­bre­ni­ca, in: The Betra­y­al of Sre­bre­ni­ca: Why Did the Mas­sacre Hap­pen? Will It Hap­pen Again? Hea­ring Befo­re the Sub­com­mit­tee on Inter­na­tio­nal Ope­ra­ti­ons and Human Rights of the Com­mit­tee on Inter­na­tio­nal Rela­ti­ons House of Repre­sen­ta­ti­ves, One Hundred Fifth Con­gress, Second Ses­si­on, March 31,1998, Washing­ton 1998, S. 41.
  11. Emma­nu­el Alloa, Umkämpf­te Zeu­gen­schaft. Der Fall Sere­na N. im Brenn­punkt von Holo­caust-For­schung, Psy­cho­ana­ly­se und Phi­lo­so­phie, DZPhil 2019 67 (2019) 6, S.
  12. O‑Full Tes­tim­o­ny, ICTY, Case No IT-98–33, Pro­se­cu­ti­on vs. Radis­lav Krs­tić, in: https://view.officeapps.live.com/op/view.aspx?src=https%3A%2F%2Fwww.icty.org%2Fx%2Ffile%2FVoice%2520of%2520Victims%2520Support%2520Docs%2FWitness%2520O%2FKrstic-Witness%2520O-Full%2520Testimony_EN.doc&wdOrigin=BROWSELINK (über­prüft am 10.11.2024).
  13. Hasan Has­a­no­vić, Sre­bre­ni­ca über­le­ben, Göt­tin­gen 2022.
  14. Axel Hage­dorn, Abso­lu­te Immu­ni­tät der Ver­ein­ten Natio­nen? – Der Völ­ker­mord von Sre­bre­ni­ca als Lack­mus­test, in: Hans-Joa­chim Heint­ze / Knut Ipsen (Hg.), Heu­ti­ge bewaff­ne­te Kon­flik­te als Her­aus­for­de­run­gen an das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht, Ber­lin / Hei­del­berg 2011, S. 201–211.
  15. Sie­he dazu zahl­rei­che ver­glei­chen­de Bei­trä­ge bei, Bedross Der Mato­s­si­an (Hg.), Deni­al of Geno­ci­des in the Twen­ty-First Cen­tu­ry, Lin­coln 2023.
  16. Mehr dazu, auch im Zusam­men­hang mit den Über­le­ben­den des Holo­caust oder Ruan­da-Geno­zid, Alloa, Umkämpf­te Zeu­gen­schaft, S. 1011–1012.
  17. Law­rence Dou­glas, The Memo­ry of Judgment: Making Law and Histo­ry in the Tri­als of the Holo­caust, New Haven / Lon­don 2001, S. 16–17.
  18. State­ment of Hasan Nuha­no­vic, For­mer Trans­la­tor, U.N. Peace­kee­ping Force in Sre­bre­ni­ca, in: The Betra­y­al of Sre­bre­ni­ca: Why Did the Mas­sacre Hap­pen? Will It Hap­pen Again? Hea­ring Befo­re the Sub­com­mit­tee on Inter­na­tio­nal Ope­ra­ti­ons and Human Rights of the Com­mit­tee on Inter­na­tio­nal Rela­ti­ons House of Repre­sen­ta­ti­ves, One Hundred Fifth Con­gress, Second Ses­si­on, March 31,1998, Washing­ton 1998, S. 20.
  19. Ebd., S. 22–24.
  20. Jas­mi­la Žba­nić, Quo vadis Aida? [Film], Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na u.a. 2020.
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