Die vorliegende Schwarzweißfotografie zeigt drei Männer nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald im April 1945. Das Bild gehört zu einer Serie von Aufnahmen, die Alfred Stüber – selbst ehemaliger Häftling des Lagers – unmittelbar nach der Befreiung anfertigte. Es dokumentiert einen Moment des Übergangs: Zwischen Überleben und Neuanfang eröffnet das Foto einen besonderen Blick auf die Selbstbehauptung dreier Überlebender.
Das Bildmotiv im Detail
Die drei abgebildeten Männer haben sich gemeinsam vor einem Haus aufgestellt. Sie blicken in Richtung Kamera und stehen auf einem Gehweg nahe der Bordsteinkante. Der Mann im linken Bildrand trägt eine schwarze Mütze, einen gemusterten Pullover und eine leichte Jacke. Seine Schuhe scheinen aus Lappen- oder Stoffresten zusammengewickelt worden zu sein. Der mittig stehende Mann hat beide Hände leicht in die Taschen seiner Lederjacke gesteckt, trägt schwarze Lederstiefel und raucht eine Zigarette. Der rechte Mann trägt eine Baskenmütze, eine kurze Jacke und die silberfarbene Schnalle seines Gürtels hebt sich deutlich vom Rest seiner dunklen Kleidung ab. Die Gesichtsausdrücke der drei Männer lassen sich ganz unterschiedlich deuten: von ernst und nachdenklich über herausfordernd und fragend bis hin zu einem scheinbaren Lächeln.
Ungefähr einen Meter hinter ihnen steht ein Holzpfahl mit einem Wegweiser: „Caracho-Weg“. Auf dem Wegweiser sind mehrere geschnitzte Figuren angebracht. Auf dem Pfahl ist die Inschrift „doch stets ein frohes Lied erklingt“ zu lesen, die von einem eingeschnitzten Eichhörnchen-Motiv abgeschlossen wird. Die vier Figuren auf dem Schild tragen Häftlingskleidung und laufen einen Weg entlang. Sie stehen dichtgedrängt hintereinander und es entsteht der Eindruck, dass sie dazu angetrieben werden, schnell weiterzugehen. Durch seine dunkle Farbgebung und Größe steht der Wegweiser in starkem Kontrast zum Himmel und überragt die drei Männer. Hinter dem Wiesenstück steht ein heruntergekommenes, barackenartiges Gebäude, dessen Fenster durch helle Gardinen abgeschirmt sind.
Die Entstehungsgeschichte der Fotografie
Das vorliegende Foto ist Teil der 2010 ins Leben gerufenen digitalen Fotoausstellung „Schwarz auf Weiß – Fotografien aus dem Konzentrationslager Buchenwald 1937–1945“ der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.1 Es stammt aus dem Privatbesitz Alfred Stübers, einem ehemaligen Häftling des KZs Buchenwald. In der Ausstellung wird das Foto mit „Drei befreite Häftlinge im ehemaligen Kommandanturbereich der SS“ kommentiert. Datiert wird es auf „nach dem 20. April 1945“, kurz nach der Befreiung des Lagers. Es handelt sich somit um eine Fotografie von Überlebenden durch einen Überlebenden.
Alfred Stüber wurde am 13. Februar 1904 in Reutlingen geboren und machte sich 1928 mit einer Versandfirma selbstständig. Er war verheiratet und Vater eines Sohnes.2 Bereits im Oktober 1937 wurde er von der Stuttgarter Polizei aufgrund seiner Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas und der Verbreitung illegaler Texte verfolgt und festgenommen. Darauf folgte seine Einweisung ins Konzentrationslager, wo er im Auftrag des „Erkennungsdienstes“ der SS Fotografien von Häftlingen anfertigen musste. Das Fotografieren war in den Lagern grundsätzlich verboten und nur in wenigen Ausnahmefällen, wie zu „erkennungsdienstlichen“ Zwecken, erlaubt.3 Am 28. Mai 1938 wurde Stüber dann mit der Häftlingsnummer 2733 in Buchenwald eingeliefert.4 In seiner Häftlingsakte ist der Einweisungsgrund „Bibelforscher“ vermerkt.
Als das Konzentrationslager am 11. April 1945 befreit wurde, begann Stüber im Auftrag des Internationalen Lagerkomitees das befreite Lager und die Überlebenden zu fotografieren. Es entstand eine Fotoserie von über 70 Aufnahmen aus den Monaten April und Mai, die Stüber ab Oktober 1945 im Rahmen von Vorträgen in verschiedenen deutschen Städten vorstellte.5 Einem dieser Vorträge entstammt das im Titel aufgegriffene Zitat, das vollständig lautet: „Spreche nicht im Auftrag oder Namen irgendeiner Organisation. Nur berichten, was ich selbst erlebt…Aber auch davon nur Bruchteil, denn was in diesen Konzentrationslagern geschehen ist kann man einfach nicht wiedergeben!“6. Am 16. Januar 1981 verstarb Alfred Stüber im Alter von 76 Jahren in seinem Geburtsort Reutlingen.
Kollektive Sichtbarkeit: das Gruppenbild als Ausdruck der Selbstbehauptung
Neben Aufnahmen des befreiten Lagers waren Gruppenbilder ein wiederkehrendes Motiv Stübers. Auf seinem Foto des Arbeitskommandos „Häftlingsküche“ in Buchenwald sind beispielsweise über fünfzig Personen abgebildet. Stüber fertigte aber auch Bilder kleinerer Gruppen von bis zu fünf Personen an. Das vorliegende Foto der drei ehemaligen Häftlinge kann zu diesen „kleineren Gruppenbildern“ der Fotoserie gezählt werden. Im Kontext des befreiten Lagers haben diese Gruppenfotos nicht nur eine stark symbolische Bedeutung, sondern vor allem auch eine politische – man steht zusammen, trotz allem. Darüber hinaus haben sie für die Fotografierten und Fotografierenden auch einen persönlichen und emotionalen Wert. Ein Gruppenfoto entsteht meist anlassbezogen und selten spontan. Es vermittelt daher die Besonderheit des Anlasses und der Fotografierten selbst, die sich für das Bild aufgestellt haben. Über die Beziehung der drei dargestellten Männer zueinander ist nichts bekannt. Möglicherweise waren sie Bekannte oder Freunde und Stüber bat sie, sich für dieses Motiv aufzustellen – oder aber sie selbst sind auf ihn zugegangen, um eine persönliche Erinnerung an die Befreiung festhalten zu lassen. Durch ihre Anordnung wirken diese drei Männer zusammengehörig und gleichzeitig voneinander losgelöst, da jeder von ihnen auf diesem Bild auf seine Weise für sich steht.
Der „Caracho-Weg“: Gewaltgeschichte und visuelle Symbolik
Der sogenannte Caracho-Weg war ein ungefähr 300 Meter langer, gerader Weg zwischen dem Haupteingang und dem Lagertor.7 Er führte an der Lagerkommandantur sowie der politischen Abteilung des Konzentrationslagers Buchenwald vorbei. Der Name wurde von der SS gewählt und steht in perfider Weise symbolisch für das Tempo, mit dem Inhaftierte diesen Weg passieren mussten: „Ankommende Häftlinge wurden häufig im Laufen durch diese Straße ins Lager getrieben, dabei brutal geschlagen oder von Hunden angefallen“8. Die auf dem Wegweiser angebrachten Holzfiguren sollen eine solche Szene der Einlieferung in das Konzentrationslager darstellen. Auf den Wegen, die zum Lager führten, gab es weitere, in einem ähnlichen Stil verzierte Wegweiser. Häftlinge in der Holzbildhauerei mussten diese Schilder „im Stil der Heimatkunst“9 selbst anfertigen. Der Wegweiser für den Caracho-Weg wurde von Bruno Apitz im sogenannten Kommando Bildhauerei hergestellt.10
Die senkrecht über den Holzpfahl verlaufende Inschrift „doch stets ein frohes Lied erklingt“ ist eine Zeile aus dem offiziellen Lagerlied des KZs Esterwegen. Der Ursprung dieses Liedes wird 1934 im ehemaligen KZ Lichtenburg vermutet, von dort breitete es sich bis ins KZ Esterwegen im niedersächsischen Emsland aus.11 Nach dessen Schließung 1936 wurde es durch ehemalige Häftlinge in anderen Konzentrationslagern weiterverbreitet. In Buchenwald wurde es 1939 zu einem der Lieder, das von den Inhaftierten offiziell gesungen werden durfte.
In der Bildkomposition fügt sich der Wegweiser fast passgenau in die Lücke zwischen den zwei vorderen Männern ein. Dadurch wird er zwar kein Element der Reihe, die die Männer bilden, dennoch ordnet er sich prominent in ihr Bild ein. Die Häftlingsfiguren auf dem Schild spiegeln die drei Protagonisten des Fotos, die durch die nun gegebene Kontextualisierung und ihre selbstbestimmte Positionierung vor dem Wegweiser machtvoll wirken.12
Die Kamera als Ausdrucksmittel einer neuen Selbstbestimmtheit
Die „subjektive Aneignung der Welt“13 der Fotografierten zeigt sich in dieser Aufnahme insbesondere durch die Wahl des Standortes und des Bildausschnitts. Das Straßenschild und die Überlebenden des Lagers werden somit zum zentralen Motiv. Dass die fotografierten Männer nun befreit sind, zeigt sich auch an ihrer zivilen Kleidung. Sie sind nicht länger als Häftlinge markiert, sondern ihre wiedergewonnene Individualität wird unterstrichen.
Die Fotografie hält einen Augenblick des zeitlichen Dazwischen fest, das Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges einfängt. Sie verbildlicht keine „spezifische Auffinde-Situation der Lager bei Kriegsende“14, so wie sie vielfach von den Alliierten in professionalisierter Form aufgenommen und veröffentlicht worden ist. Das Bild lässt sich dadurch auch nicht in die Lesart einer „Ikone der Vernichtung“ einordnen, die mit den Fotografien der befreiten Konzentrationslager und der Überlebenden in erster Linie verbunden wird.15 Die Fotohistorikerin Sandra Starke berichtet ebenfalls von Alfred Stübers Vortragsreise durch Deutschland. Als er im Juli 1945 seine Fotografien in Reutlingen präsentierte, ließ die örtliche Polizei einen inhaftierten SS-Mann dem Vortrag beiwohnen, um die Glaubhaftigkeit seiner Aufnahmen bestätigen zu lassen.16 Auch dieses Wissen um die Verwendung seiner Bilder und der Skepsis, der Stüber begegnete, formen den Blick auf das Bild.
Die Fotografie als Selbstzeugnis
Aus Alfred Stübers Fotografie spricht der solidarische Blick eines Menschen, der mit den abgebildeten ehemaligen Häftlingen Gesehenes und Erfahrenes teilt. Nach der Befreiung von Buchenwald wurde die Kamera für Stüber zu einem Medium, über das er nun selbstbestimmt verfügen konnte. Deshalb können wir uns anhand dieser Aufnahme der individuellen Perspektive des Fotografen und Überlebenden Alfred Stüber nähern. Gleichzeitig existiert auch eine gewollte Distanz zwischen Subjekt und Betrachter:in, denn weder das Leid, noch die Gewalt oder die Trauer, die die abgebildeten Personen individuell durchlebt haben müssen, werden auf den ersten Blick sichtbar gemacht. Ersichtlich werden in diesem Bild dennoch das neue Selbstverständnis und ‑bewusstsein der drei fotografierten Männer, die sich nicht als Opfer, sondern als Überlebende und Zeugen dieser Zeit präsentierten und als solche gesehen werden wollten.
References
- „Drei befreite Häftlinge im ehemaligen Kommandanturbereich der SS“, Schwarzweißfotografie, Fotograf: Alfred Stüber (Privatbesitz), Aufnahme nach dem 20. April 1945, Konzentrationslager Buchenwald, gefunden in: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Schwarz auf Weiß. Fotografien aus dem Konzentrationslager Buchenwald 1937–1945, Digitale Fotoausstellung, https://schwarzaufweiss.buchenwald.de/, abgerufen am 04.08.2025.
- Alle weiteren biographischen Informationen zu Alfred Stüber sind auf der Ausstellungsseite nachzulesen: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Biographie Alfred Stüber, o. D., https://schwarzaufweiss.buchenwald.de/Biographien.html#photographer_7334, abgerufen am 04.08.2025.
- Vgl. Hildegard Frübis, Einleitung. Beweissicherung und ästhetische Praxis, in: Hildegard Frübis/Clara Oberle/Agnieszka Pufelska (Hg.), Fotografien aus den Lagern des NS-Regimes. Beweissicherung und ästhetische Praxis, Wien 2019, S. 7–24, hier S. 11.
- Vgl. Arolsen Archives, Akte von Stüber, Alfred, geboren am 13.02.1904, Sign. 01010503 001.496.051, DocID: 7211356, https://collections.arolsen-archives.org/de/document/7211356, abgerufen am 04.08.2025.
- Vgl. Annette Vowinckel, Der Eigensinn der Überlebenden, in: Zeitgeschichte-online, Mai 2020, https://zeitgeschichte-online.de/themen/der-eigensinn-der-ueberlebenden, abgerufen am 04.08.2025.
- Das Zitat ist der Biographie Stübers auf der Ausstellungsseite entnommen: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Alfred Stüber, https://schwarzaufweiss.buchenwald.de/Biographien.html#photographer_7334. Das Manuskript seines Vortrages ist im Buchenwald-Archiv aufbewahrt.
- Vgl. Harry Stein, Konzentrationslager Buchenwald 1937–1945. Begleitband zur ständigen historischen Ausstellung, hg. v. d. Gedenkstätte Buchenwald, Göttingen 1999, S. 34.
- Ebd.
- Stein, Konzentrationslager Buchenwald, S. 34.
- Der Wegweiser ist im Original erhalten und in der Dauerausstellung der Gedenkstätte Buchenwald ausgestellt.
- Vgl. Gedenkstätte Konzentrationslager Laura, Forschung, o. D., https://www.kz-gedenkstaette-laura.de/de/ueber-uns/forschung/, abgerufen am 04.08.2025. Alle Informationen zu dem Lied sind der Seite der Gedenkstätte entnommen.
- „[…] vielen prägte sich der kurze, asphaltierte Weg tief ein“, schreibt die Gedenkstätte Buchenwald zum „Caracho-Weg“, https://www.buchenwald.de/de/geschichte/historischer-ort/konzentrationslager/carachoweg.
- Linda Conze/Ulrich Prehn/Michael Wildt, Sitzen, baden, durch die Straßen laufen. Überlegungen zu fotografischen Repräsentationen von ‚Alltäglichem‘ und ‚Unalltäglichem‘ im Nationalsozialismus, in: Annelie Ramsbrock/Annette Vowinckel/Malte Zierenberg (Hg.), Fotografien im 20. Jahrhundert. Verbreitung und Vermittlung, Göttingen 2013, S. 270–298, hier S. 270.
- Sandra Starke, Opfer als Bildagenten? Zur visuellen Selbstrepräsentation von KZ-Überlebenden, in: Visual History. Online-Nachschlagewerk für die historische Bildforschung, 26.10.2020, https://visual-history.de/2020/10/26/opfer-als-bildagenten/, abgerufen am 04.08.2025.
- Vgl. hierzu Cornelia Brink, Ikonen der Vernichtung, Öffentlicher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern nach 1945, Berlin 1998.
- Vgl. Starke, Opfer als Bildagenten?